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2020
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18.01.21 15.01.21 12.01.21 09.01.21 06.01.21 03.01.21
LACHS FIGUREN.

Wer den Hals nicht voll genug kriegen kann, sollte sich vielleicht eine Halskrause besorgen und dann in Öl verewigen lassen. Ölschinken muss man reifen lassen und Ölspuren sind ein Fall für die Umweltpolizei, aber Ölarbeiter wollen auch zu ihrem Recht kommen. Wie geölt gleiten dumme Gedanken durch den Traum der Taschendiebe, denn Strohmänner brauchen keine Strohhalme, an denen sie sich fest halten können Mit einer Strohpuppe kommt man aber auch nicht weiter, denn die Gänse rascheln sowieso im Stroh und Strohfeuer sind nicht für die Ewigkeit, weswegen es besser ist Holz vor der Hütte zu haben, als Stroh im Kopf. So kommt das Haferstroh denn vor der Hafermilch und das die Pferde der Hafer sticht, kommt nicht von der Milch. Ob in der Milchstraße nur Milch getrunken wird, bleib zweifelhaft, denn wie jedes Honigkuchenpferd weiß, macht die Milch alleine es noch lange nicht.

Wirklich problematisch wird es allerdings erst, wenn Frauen sich den Kopf komplett kahl scheren lassen, so wie Britney Spears es vor fast vierzehn Jahren, nach dem Scheitern ihrer Ehe, mit dem Background Tänzer Kevin Federline tat. Ob es aus Verzweiflung geschah, oder als Befreiungsschlag, ob es ein Hilfeschrei war, oder ein Akt der Selbstermächtigung, bleibt Spekulation, es endete mit einer Entzugstherapie und finanzieller Entmündigung bis heute. Haare hin, Haare her, Haare müssen, zumindest bei Frauen sein. Unter den Armen dürfen sie fehlen, aber auf dem Kopf sollten sie, wenigstens in der Kurzversion, schon vorhanden sein. Auch die Sängerin Sinead O'Conner handelte sich eine Menge Ärger ein, als sie 1987 ein Musikvideo veröffentlichte, in dem eine glatzköpfige Frau auftrat, mal ganz abgesehen davon, dass Sinead O'Conner sich auch immer wieder den Kopf kahl rasieren ließ. Vielleicht handelt es sich auch um einen Verwandlungszauber, denn die komplette Entfernung des Haupthaares, wurde bei Frauen meistens zu deren Demütigung eingesetzt, oder aber um ihren Eintritt in einen anderen Seinszustand zu markieren,. So wurde den Bräuten Jesus das Haupt ebenfalls kahl geschoren, wenn sie der Welt entsagten und sich einer klösterlichen Ordensgemeinschaft anschlossen. Nach der Zeremonie verschwand das nackte Haupt dann unter einer Haube, wo es des öfteren Jahrzehnte lang Zeit hatte, ganz in Ruhe wieder nach zu wachsen. Und, selbst wenn Yul Brynner und Telly Savalas als durchaus attraktive Männer galten, so ist Glatze bis heute auch bei Männern zwar akzeptabel, aber immer noch problematisch und mit dem Wort Glatzen werden nicht besonders angenehme Zeitgenossen bezeichnet. Was auf dem Kopf erwünscht ist, wird am Körper schon problematischer, was schwer nachzuvollziehen ist. Auf dem Haupt noch untrügliches Zeichen von Gesundheit, Schönheit und Virilität, sind die kleinen, weichen Hornfäden ein paar Zentimeter tiefer völlig unerwünscht. Da ist der Bart nicht nur ab, dem Wildwuchs wird mit heißem Wachs, giftigen Cremes und Epilierapparten zu Leibe gerückt. Pelztiere können kein Lied davon singen, sie leiden nur, denn was auf dem menschlichen Körper unerwünscht ist, bringt etliche unserer vierbeinigen Geschwister vorzeitig und grausam zu Tode, mal ganz zu schweigen von ihren Lebensbedingungen. Die Haare, ein magischer und monströser Stoff. Was einst als Fell eines Bären, Löwen, Tiger oder Wolfes, den Sieg über einen gleichwertigen Gegner anzeigte, weil mit fast gleichwertigen Waffen ausgekämpft, mutierte zu einem perversen Statussymbol. Mit der Perversion kam die Allergie und was ehemals Wärme spendete, macht mittlerweile krank. In seinen jungen Jahren, als er noch sehr langhaarig war, wurde der Sänger Neil Young, von einer Verehrerinnen, mit einem Hemd beschenkt, das sie mit Fäden aus ihrem eigenem Haar genäht hatte. Poetischer geht es kaum und Neil Young, der diese Episode in seinen Memoiren erwähnt, wusste das Geschenk zu schätzen.

Ölschinken sind ungenießbar.

SCHIMPF ZENTRUM.

Das eine globale Pandemie sich nur global bekämpfen lässt, steht wohl außer Frage und bedeutet, das Kontaktbeschränkungen nicht nur lokal, sondern auch global gelten sollten. Warum eigentlich dürfen immer noch alle möglichen Leute rund um den Globus reisen, aber daheim darf ich mich nicht mehr mal mit meinen engsten Freunden treffen. Vielleicht wird die Regel, dass sich ein Haushalt nur mit einer anderen Person treffen darf, auch endlich auf den Flugverkehr angewendet. In so einem Flugzeug, Ferienflieger, sitzen Personen aus wer weiß nicht wie vielen Haushalten zusammen und das ist erlaubt. Wir werden verarscht. Ich bin auch für Nachschärfungen der Coronaregelungen, wie der Herr Lothar Wieler, Präsident des Robert Koch-Institut, sie heute in den Nachrichten forderte, aber nicht im persönlichen Bereich, sondern im grenzüberschreitenden Reiseverkehr, denn die Mutanten sind nicht aus den privaten Haushalten gekommen, sondern mit Reiserückkehrern aus England und Südafrika.

Von höchstem Interesse war auch die „Bravo“ selber und obwohl wir lange nicht alles verstanden, arbeiten Heidi und ich das bunt und üppig bebilderte Teenagermagazin gründlich durch. Der Fotoroman ließ uns eher kalt, Jungs waren blöd und lebten noch in einem völlig anderen Universum, aber die Leserbriefe lasen wir uns, ohne besonders viel zu verstehen, staunend gegenseitig vor. Die Popsternchen, die Stars, die Sänger und Sängerinnen, mit ihren Fotostrecken und Homestorys waren uns allerdings schon ein Begriff, denn unsere Eltern waren ziemlich feierwütig und auf ihren Partys lief auch die tagesaktuell angesagte Popmusik. Nicht unbedingt die Beatles oder die Stones, deren lebensgroße Abbilder als zusammengeklebte Starschnitte, in Arnos Zimmer an die Wände geheftet waren, das wäre dann doch etwas zu wild gewesen, aber Gitte und Rex Gildo, Cliff Richards, oder Esther und Abi Ofarim kannten wir schon. Faszinierend waren auch die teilweise sehr futuristischen Klamotten der Protagonistinnen, ihr Schmuck, die Schuhe und Stiefel, denn außer Frau Bestmann, die immer allen voranging und top avantgardistisch gestylt war, trugen unsere Mütter, die sich eher an der klassischen Eleganz Jackie Kennedys und ihren schlichten, geometrischen Kostümen orientierten, solche Bekleidungsstücke nicht. Am mutigsten waren sie mit ihren Frisuren, der wöchentliche Termin beim Friseur war obligatorisch, aber nach dem Friseurbesuch spielte sich in den heimischen vier Wänden so manches Drama ab. Der Bienenkorb erlebt ja bis heute immer wieder eine Renaissance, aber nicht jeder Gatte war damit einverstanden, wenn seine Angetraute solcherart aufgemotzt nach hause kam. Schlimmer noch war es, wenn der neue Haarschnitt von seiner Trägerin selber als verschnitten empfunden wurde, oder die neue Haarfarbe als unkleidsam. Im besten Fall halfen die Künste, mit der Haarschneideschere und Färbemitteln virtuoser Nachbarinnen, im schlimmsten Fall nur noch eine Perücke. Mit einer Perücke konnte eine Frau nicht nur ihr Äußeres, sondern auch ihre Persönlichkeit völlig verändern. Im Gegensatz zu Echthaarperücken, waren Kunsthaarperücken durchaus erschwinglich und nicht nur Frau Bestmann benutzte dieses Accessoire, um ihren Stil dramatisch zu verändern. Haare spielten sowieso eine entscheidende Rolle und ein paar Jahre später, kam dann das Musical „Hair“ raus. Jungs ließen sich die Haare wachsen und sorgten damit für Generationskonflikte, die Generationen überdauerten. Mädchen ließen sich nicht mehr nur ihre langen Zöpfe abschneiden, wie einst meine Mutter zum Entsetzen meines Großvaters, sondern legten sich richtige Kurzhaarfrisuren zu, wie Twiggy. Kulturhistorisch ist das folgerichtig, denn über viele Jahrhunderte war es das Privileg der freien Männer, ihre Haare wachsen zu lassen, während Frauen ihr Haupt, ihre Haare bedecken mussten, zumindest sobald sie verheiratet waren. Man nannte es unter die Haube kommen und unter der Haube bekommt man schnell einen heißen Kopf.

Was im Hals stecken bleibt, muss nicht verdaut werden.

QUER SCHENKER.

Spätestens zu Pfingsten, wo Bolle ja schon so desaströs reiste, soll es dann wieder los gehen, das große Karussell. Reisen um den Preis der Vernichtung letzter intakter Lebensräume und bedrohter Arten. Ich reise also bin ich. Der globale Tourismus zerstört den Planeten. Wen wundert es, wenn das Virus immer aggressiver wird, letztendlich ist es eine adäquate Antwort auf unsere Aggression, denn Fortschritt ohne Verantwortung endet im Artensterben und der Vernichtung unserer Lebensräume. Schön wäre es, wenn das Wassermannzeitalter endlich zur Vernunft kommen würde und der ganze Konsumwahn ersatzlos gestrichen. Die Haare braucht man sich dafür nicht wachsen zu lassen und auch nicht zu schneiden, denn selbst wenn die Dinge beseelt sind, so fehlt ihnen doch der Herzschlag lebendiger Mitwesen. So sind die Mittel denn kein Zweck, weil sie dem Zweck dienen müssen.

Eine Ahnung davon, wie es am Grund, nicht der Tiefsee, aber eines durchschnittlichen Meeresboden ist, kann man in der Unterwasserwelt des Tierpark Hagenbek bekommen. Nach einem Parcour durch das Troparium, der oberirdisch mit einem Rundgang, um ein von exotischen Pflanzen gerahmtes Krokodil Gewässer beginnt, geht es immer weiter hinab, vorbei an Muränen und Vogelspinnen, glänzend schwarzen, flammend rot und neongelb gefleckten Salamandern, giftigen, knallblauen Fröschen, Würgeschlangen und solchen die nicht weniger giftig sind als die blauen Frösche. Den wehrhaften Amphibien und Spinnen folgen Aquarien jeder Größe, in denen fantastische Lebewesen durch ihre Wasserwelten schweben und ganz am Ende der unterseeischen Reise steht man dann in einem abgedunkelten Saal, vor einer sechs Meter hohen und vierzehn Meter langen Glasscheibe und sieht graue Riffhaie, Torpedo gleich durch ihr fantastisches Biotop patrouillieren. Licht, das sich an der Oberfläche des Wassers bricht, fällt zart gefiltert in das unterseeische Universum, wie utopische Raumgleiter fliegen Adlerrochen vorbei, dazwischen tummeln sich Schwärme kleiner Fische, manche fast durchsichtig, andere eher farblos und wieder andere in allen Farben des Regenbogens leuchtend. Trotzdem immer wieder unbelehrbare Banausen, den Sicherheitsabstand zur Glasscheibe ignorieren und wohl möglich noch dagegen klopfen, irgendwie muss man ja auf sich aufmerksam machen, ist die Stimmung im unterseeischen Saal fast sakral. Wer mag kann sich auf einer kleinen Tribüne gegenüber der gläsernen Wand niederlassen, die sich wie in einem antiken Amphitheater vom Grund des Meeres bis zur Wasseroberfläche hoch zieht, mit den Meeresbewohnern durch die Wasserwelt fliegen und im unterseeischen Universum verweilen bis der Gong, der die Schließung des Tropariums ankündigt, ertönt. Über mehrere Stockwerke, geht es dann durch ein hell erleuchtetes Treppenhaus, wieder in die nüchterne Oberwelt der Cafeteria und nur die frei fliegenden, exotischen Vögel, erinnern noch an den magischen Zauber, der Welt unterm Spiegel des Meeres. Einer der immer wieder kehrenden Träume meiner Kindheit, war ein Unterwassertraum. Alle Häuser standen unter Wasser, nicht in dem Sinne, als das sie überflutet worden wären, sie standen einfach voller Wasser. Das Wasser, in dem wir problemlos atmen und uns bewegen konnten, erzeugte ein geheimnisvolles, grünliches Licht und sorgte dafür, dass die langweiligen und einengenden Regeln des Alltags aufgehoben waren. Meistens war es das Elternhaus meiner Freundin Heidi, in dem wir durch das Wohnzimmer schwammen, denn Heidis Eltern waren zwar nicht unbedingt antiautoritär, aber einfach anderweitig beschäftigt und so kamen wir in den Genuss diverser Freiheiten, denn Heidis Eltern waren viel unterwegs. Bei Heidi konnten wir mitten in der Nacht die Küche verwüsten, den Fernseher laufen lassen, bis das Testbild kam und was mit Abstand am wichtigsten war, im streng verbotenen Zimmer ihres älteren Bruders Arno, dessen Wände mit den Starschnitten aus der „Bravo“ zu geklebt waren, herum stöbern.

Es braucht kein Rädchen, Sand im Getriebe reicht.

STERN KOMPETENZ.

Analog zu „Was man nicht im Kopf hat, muss man in den Beinen haben.“ regelt das Virus, was wir nicht regeln wollen. Letztendlich ist es halt nicht die Ökonomie, sondern die Ökologie, die alles entscheidet und das Virus macht einfach weiter. Erschreckend zu begreifen, das etwas, was kaum Materie ist, uns unendlich überlegen ist. Wir sind einfach zu blöd, eine tödliche Bedrohung zu erkennen, solange sie noch nicht total tödlich ist. Wahrscheinlich nennt man es Evolution und es geht immer weiter. Am Ende entscheidet sowieso der Zufall und wo er hin fällt wächst kein Gras mehr, oder ganz neues Glück. Echte Profis bleiben zu Hause und langweilen sich gepflegt, bis der Sommer wieder kommt. In der Zwischenzeit werden dumme Gedanken liebevoll gepflegt und wer sich keinen Kopf machen muss, weil der Bart schon lange ab ist, kann sich immer noch frisieren lassen.

Was die vorüber ziehenden Schiffe anging, kannte HaHe sich als wahrer Urenkel Killmasters natürlich bestens aus. Keine Flagge deren Herkunftsland er nicht sofort identifiziert hätte und die langen Zahlenfolgen auf dem Rumpf der Schiffe erzählten ihm etwas über Bruttoregistertonnen, Antriebe, Baujahre und Ladungen. Großzügig ließ er uns an seinem Wissen teilhaben und wir ließen uns gerne belehren, aber viel schöner als HaHes Vorträge, waren all die romantischen Vorstellungen, die sich ganz besonders mit den elbabwärts ziehenden Schiffen verbanden. Von der Elbe über den Kanal in die Nordsee und weiter in den Atlantik und immer weiter, in die Unendlichkeit der weltumspannenden Ozeane. Einfach fort segeln, mit dem Wind, wie die Wolken am Himmel über den Globus ziehen. Kapitän Jack Sparrow war ganz bestimmt nicht der erste und auch nicht der letzte, für den ein Schiff die ultimative Freiheit bedeutete. Nur Pferde, von denen es auch heißt, dass alles Glück dieser Erde auf ihrem Rücken läge, können es mit dieser archaischen Freiheitsvorstellung aufnehmen und manche Pferde sind sogar schneller als der Wind. Lange bevor die Eisenbahn, das Auto und Flugzeuge, ihren ungeheuer zerstörerischen Siegeszug antraten, war die Geschwindigkeit von Pferden und Schiffen unter Segeln Jahrtausende lang maßgebend. Zischend stoben Funken in den Nachtblauen Himmel, irgendjemand hatte das fast niedergebrannte Lagerfeuer neu entfacht. Den himmelwärts tanzenden Funken folgten die Töne einer Gitarre, begleitet von ein paar Mädchen, die „Leaving On A Jet Plane“ sangen. Der Fluss gurgelte, plätscherte, rülpste und seufzte, mal laut, mal leise und manchmal klatschten ein paar größere Wellen an den Strand. In den zähen Weiden der Uferbefestigung und hinter uns, den Elbhang hoch, wo sie dichter wuchsen, raschelte es geheimnisvoll und ich folgte dem Fluss nicht mehr bis zur Mündung und zum Meer, sondern zurück in lang vergangene Zeiten, als er noch frei mäanderte. Im endlosen Schilf der Flussmarschen lagerten Heerscharen wilder Gänse auf ihrem Flug gen Norden oder Süden. Wild wogten die Schilfrohre im Wind und der Lärm der Gänse wetteiferte mit dem Wind. Lange bevor Menschen begannen den Planeten zu bereisen, reisten Wale, Fische und Vögel bereits um den gesamten Planeten, ohne ihn zu zerstören. Von der überwältigenden Schönheit der Vogelperspektive haben wir ja mittlerweile eine rudimentäre Vorstellung, von der, der Fische leider überhaupt nicht. Nicht nur, dass das Wort Fischperspektive so nicht existiert, geht die Perspektive etlicher Meeresbewohner bis in die unerforschte Dunkelheit der Tiefsee, deren illuminierte Bewohner wir ausschließlich mit Botschaften aus unserem Müll kontaktieren. Ein bisschen armselig ist das schon. Wie mag es wohl sein, wie fühlt es sich an, die Tiefsee mit ihren, in allen Regenbogenfarben leuchtenden Lebewesen, als Fisch im Wasser zu überfliegen.

Lieber singend in den Morgen, als singend zum Morden.

FISCH MUTTER.

Das Virus ist Wirklichkeit und es wird nicht besser werden, sondern immer schlimmer. Locker war gestern und wer locker bleiben will, passt sich an. Gut gehen wird das nicht, denn gut ist schon lange nichts mehr und gute Wünsche bleiben unerfüllt. Wer denn nun gute Laune verbreiten will, braucht nicht nur gute Gründe, sondern auch gute Nerven, damit es gut geht. Wir wünschen den guten Geistern einen guten Tag und gießen Wasser auf die Mühlen des organisierten Unsinns, denn nur wo die Blumen des Blödsinn blühen, hat die Phantasie eine Chance. Wer immer bei der Stange bleibt, wird mit einem Stock im Arsch sterben, aber wer vom Weg abkommt, wird über eine Wurzel stolpern und fliegen lernen. Wo Igel die eingegrabenen Nüsse von Eichhörnchen finden und Füchse Hasen eine gute Nacht wünschen, küsst der Mond den Horizont und zwischen den kahlen, schwarzen Zweigen der Bäume träumen die Sterne.

Zur Elbe runter fuhren wir mindestens einmal in der Woche und meistens ein paar mal mehr. Mit dem Wohngemeinschaftsauto über das Schulterblatt, bis zur Ecke Max-Brauer-Allee / Altonaer Straße, dann links runter und immer geradeaus, vorbei am Altonaer Rathaus mit der imposanten Reiterstatue Kaiser Wilhelm des I. Die überlebensgroße Bronzestatue des Kaisers, nochmal erhöht durch einen etwa fünf Meter hohen Sockel, wird von drei kleineren Bronzen flankiert. Rechts und links des Kaisers tummeln sich allegorische Darstellungen, auf der linken Flanke des Kaisers die Bronze eines Fischers, die für den Handel und das Schifffahrtswesen der Stadt steht, auf der rechten Seite ein Schmied, der Gewerbe und Industrie symbolisieren soll, die technologische Innovation. In der Mitte, am Boden vorm Kaiser, dass Standbild eines antiken Krieges, zu dessen beiden Seiten zwei weibliche Genien lagern, die sich an den Händen halten, Sinnbilder der im deutsch dänischen Krieg eroberten Herzogtümer Schleswig und Holstein. Meerumschlungen. Das ganze Ensemble ist wunderbar grün angelaufen. Hinterm Rathaus, an der Kreuzung Max-Brauer-Allee / Klopstock Straße / Palmaille, wo sie nur die Fassaden der schönen, alten, schneeweißen Offiziershäuser stehen ließen, bogen wir scharf rechts ab in die Klopstock Straße und dann gleich wieder links runter in die Kaistraße. Von da an geht es steil runter zur linksseitig gelegenen Elbe. Am grünen Steilufer auf der rechten Seite, ziehen sich bis zur Elbchaussee hoch, erst der Heine Park und dann der Donners Park, Stiftungen wohlhabender Hamburger Bankiers. Kurz vorm Museumshafen in Övelgönne, ging es viele Jahre rechts, eine lange und steile Treppe den Hang hoch bis zur „Zwiebel“, einem legendären Hippie Lokal, groß genug um rauschende Feste zu feiern. Am Museumshafen war dann endgültig Schluss mit der motorisierten Mobilität, einmal rum um die Kehre, an die Kaimauer runter, mit viel Glück einen Parkplatz ergattert oder lange gesucht. Wir stiegen aus und wer wirklich schlau war, zog, zumindest in den Sommermonaten auch gleich seine Schuhe aus. Hinterm Museumshafen gab es zwei Möglichkeiten, der gepflasterte Weg, oben zwischen den alten Kapitänshäusern, Nobellokalen und Touristenabfütterungsstellen, oder unten an der Elbe durch den Sand. Wir nahmen den Sand und ich meine hochhackigen Schuhe in die Hand. In den ersten Jahren war die Elbe noch so dreckig, dass Johanna ihrem Hund Ratz Fatz verbot darin zu baden. Mittlerweile wird wieder in der Elbe gebadet und nicht nur von Hunden. In der „Strandperle“ war dann erst mal Pause angesagt. Es gab Bier, grässlich sauren Wein, Würstchen, Pommes, Eis und rote Grütze mit Vanillesoße. Die Kähne auf der Elbe, waren eher Zugabe und nicht wie heutzutage, die Attraktion schlechthin. Schöner war es sowieso, wenn Vollmond war und wir noch ein Stück weiter zogen am Ufer der Elbe, bis dahin wo nur noch Sand und Weiden waren und manchmal ein Lagerfeuer.

Im Dunklen kann man sich fürchten oder träumen.

WUT ORANGEN

Salamitaktik war gestern, auch wenn es bestimmt immer noch etliche Mitbürger gibt, die denken das am elften Januar alles wieder gut wird, so dürfte es doch auch mindestens genauso viele Mitbürger geben, die begriffen haben, dass selbst an den Iden des März noch lange nicht alles vorbei ist. Ich kann wirklich nicht sagen, dass ich mir jemals gewünscht habe Zeugin einer Zeitwende zu werden, aber es kommt ja sowieso immer anders als man denkt. Vor Corona, nach Corona und wie es vor Corona war, wird es wahrscheinlich nie mehr sein. Wir leben in aufregenden Zeiten und die Langeweile des Sonntags in der kleinen Stadt, ging unter im Getöse der digitalen Revolution. Wer eins und eins zusammenzählen kann, wird wahrscheinlich bei drei seinen Hut nehmen, oder glanzvoll scheitern. Ich wünsche mir einen Hut mit unzähligen Ecken, damit es immer langweilig bleibt.

An der Kreuzung Lippmannstraße / Max-Brauer-Allee / Langenfelder Straße blinkten rechts und links die Lichter der Tankstellen, die eine fest in der Hand des Muschel geschmückten Konzerns, die andere von einem freien Pächter betrieben. Natürlich tankten wir bei David und nicht bei Goliath, selbst wenn es etwas teurer war. Auf der großen Brachfläche gegenüber, stand wie ein Solitär das „Airport“, eine ausschließlich von Rockern besuchte Diskothek, deren blaues Logo einsam in der Nacht leuchtete. Die Idee mit dem Panter hatte mir gefallen und von Rilkes Panter wanderten meine Gedanken, zu der von ihm sehr geschätzten, Franziska Gräfin zu Reventlow. einer Adligen Dichterin aus Schleswig Holstein, die mit ihrem exzentrischen Lebensstil die Münchner Boheme, in den Jahren um die Jahrhundertwende vom neunzehnten auf das zwanzigste Jahrhundert verunsichert hatte. Johanna, HaHes Schwester verehrte Franzika zu Reventlow, nicht nur für ihre Texte, sondern auch für ihr kompromisslos ausschweifendes Liebesleben und ganz besonders gefiel ihr der „Geldkomplex“, ein satirischer Roman mit durchaus autobiographischen Komponenten. Franziska zu Reventlow wurde leider nur siebenundvierzig Jahre alt, sie starb an den Folgen eines Fahrradunfalls. Mit ihrer unübersehbaren Schönheit blieb Johanna eigentlich nie allein und es kam immer wieder vor, dass sie sich zum Entzücken und Entsetzen ihres Umfeldes mehrere Liebhaber gleichzeitig leistete. Einerseits schmeichelte das ihrem Ego enorm, aber anderseits wurde ihr Nervenkostüm schwer in Mitleidenschaft gezogen und Geldprobleme hatte sie sowieso immer. So machte Johanna denn nicht nur die meisten ihrer Liebhaber unglücklich, sondern meistens auch sich selbst. Unvergessen der späte Nachmittag, an dem ich meine Hände aus dem Pizzateig ziehen musste, weil Johannas Mitbewohnerin Nicola Tränen überströmt in der Küche stand und mich darum bat sofort mitzukommen, weil Johanna ihren aktuellen Liebhaber ermorden wollte. Daniel hatte sich glücklicherweise schon in Sicherheit gebracht, bevor wir die Treppen bis in den fünften Stock erklommen hatten. Das Küchenmesser, mit dem Johanna nach Nicolas Schilderungen, recht theatralisch herum gefuchtelt hatte, lag auf dem Teppichboden ihres Zimmer und Johanna lag hysterisch heulend im Bett. Ich bat Nicola einen Tee zu kochen und baute eine Tüte. Es dauerte lange, bis Johanna endlich aufhörte zu heulen und als ich ihr sagte, dass man über die Scheiße, die man selber baut am meisten heult, fing sie gleich wieder an zu heulen. Ich baute noch eine Tüte und redete mit Engelszungen, um Johanna von der therapeutischen Wirkung des Kiff zu überzeugen. Irgendwann wirkte es, Johanna musste lachen, sie stand auf und verschwand im Badezimmer, wo sie sich jede Menge kaltes Wasser ins Gesicht klatschte. Dann fuhren wir runter zur Elbe und ließen uns den Wind, der vom Wasser kommt um die Ohren blasen.

Wer nicht mutiert stagniert.