STUSS
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aktuell: Mittsommer
auf Alsen
2019
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14.10.19 11.10.19 08.10.19 05.10.19 02.10.19
ZUCKER KUTTE.

Nach dem querzeitigen Stand der Dinge, ist es mit der virtuellen Welt ähnlich wie mit dem menschlichen Geist. Ohne Körper kein Geist, ohne Server keine Cloud. Die Daten flattern nicht im luftleeren Raum, sie lagern auf physischen Servern, die mächtig viel Strom verbrauchen und hetzwegen ist die virtuelle Welt weder Kostenlos noch Folgenlos. Was den Raum angeht gilt das gleiche, bähzeichnenderweise heißt es ja auch nicht Serverhaus oder Serverhof, sondern Serverfarm und wahrscheinlich ist es nicht mehr weit bis zur Serverlandschaft im Serverstaat. Auch all die Filme, Musikstücke, Spiele und nützlichen Programme im virtuellen Raum, sind dort nicht reimfach spinngezaubert worden, sondern sie sie wurden von arbeitenden Menschen erzeugt und die wiederum wollen für ihre Arbeit bezahlt werden und nicht nur mit Daten, der Währung des Informationszeitalters.

Am nächsten Tag standen wir spät und etwas verkatert auf, am besten ging es Klaus, der wieder richtig eingestellt war, aber Cauca sah immer noch ziemlich mitgenommen aus. Nach einem rudimentären Katerfrühstück, HaHe schwor auf sauer eingelegte Bücklinge, die außer ihm niemand runter bekam, beschlossen wir zwecks Wiederherstellung unserer Lebensgeister, einen Spaziergang zur Kaffeestube an der Hohelufchaussee zu machen. Im Viertel herrschte Sonntagsruhe, nur aus der Nachbarschaftskneipe unten im Haus, wehten ein paar Musikfetzen, vermischt mit dem Geruch von Alkohol und abgestandenem Rauch. Der alte Schäferhund, der Nachts immer anschlug wenn jemand zu später Stunde nach Hause kam, gab keinen Mucks von sich und blieb friedlich vor der Tür liegen, als wir das Haus verließen. An der Kreuzung Schulterblatt / Susannenstraße / Juliusstraße standen ein paar Eckensteher mit der obligatorischen Bierflasche in der Hand, aber ansonsten war weit und breit niemand zu sehen. Wir nahmen den Weg durch die Susannenstraße, mit ihren dringend Renovierungsbedürftigen Häusern, vorbei am Bahnhof in der Schanzenstraße, wo ein bisschen mehr los war, bis zu Ecke Weidenallee / Kleiner Schäferkamp. Im Kleinen Schäferkamp kam uns eine türkischen Hochzeitsgesellschaft entgegen und ich musste an die Massenschlägerei denken, die sich zwei Hochzeitsgesellschaften, die eine türkisch und die andere kurdisch, kurz nach unserem Einzug im Schulterblatt, vorm Bierhaus Schulterblatt geliefert hatten. Alle im feinsten Sonntagsstaat und alle machten mit, Männer und Frauen, Alte und Junge, bis die Polizei mit einem Großaufgebot kam und die Kontrahenten trennte. Im Kleinen Schäferkamp blieb es friedlich, die Atmosphäre war fast schon provinziell und erst an der Kreuzung Kleiner Schäferkamp / Schäferkampsallee / Schröderstiftstraße, adelte der Verkehrslärm die Stadt wieder zur Großstadt. Beim Schröderstift gegenüber vom Schlump, stießen wir auf Holger, Gabys Exfreund und Knut, einen der ersten Besetzer des Schröderstift. Knut gehörte, wie auch Holger, zu den Stammgästen des Mader, dass ebenfalls auf unserem Weg zur Kaffeestube lag. Holger wie immer etwas ungepflegt, mit fettigen Haaren im Parka, ganz im Gegenteil zu Knut, der ein gut geschnittenes Rüschenhemd mit Ethnostickerei trug, das ihm wirklich stand. Mit seinen langen, blonden Haaren und ebenmäßigen Gesichtszügen, kam Knut immer wieder beim weiblichen Publikum im Mader gut an, aber jede nähere Kontaktaufnahme war zum Scheitern verurteilt, denn Knut war stockschwul. Im nüchternen Zustand hätte er das niemals zugegeben, er zeigte sich gerne mit Frauen und flirtete ausgiebig, betrank sich gründlich und torkelte dann allein nach Hause. Manchmal trieb er es so weit, dass seine Kumpel ihn zurück ins Schröderstift schleppen mussten, was ihm die Gelegenheit gab, ihnen näher zu kommen. Knuts Freunde und Mitbewohner waren allerdings nicht schwul, aber wenn sie versuchten ihn am nächsten Tag auf sein Problem anzusprechen, wies er alles weit von sich. Außer Knut, hatte in seinem Umfeld eigentlich niemand ein Problem damit, aber Knut empfand es als unmännlich schwul zu sein, es entsprach nicht seinem Selbstbild. Mit Knut und Holger und seinem Busenfreund S., dem Kunstpädagogen, hatte HaHe so manche Nacht im Mader gesoffen, bis Erwin sie irgendwann rigoros vor die Tür setzte.

Die Welt kreist um die Sonne, aber sie dreht sich um sich selbst.

PRASSER STOFF ANTRIEB.

Schlimmer motz ist das Zinkernetz ein wilder Westen, wild und high und voller Gesetzloser. Im wirrtuhellen Raum versagt die Gesetzgebung der Staaten, ihre Steuerhoheit und ihre Kontrollmechanismen. Wo man eine Waffe nicht kaufen kann, oder darf, da druckt man sie sich einfach aus und fertig ist die wutausgerüstete Einmannarmee. Spinnschmu kotzt die grenzenlose Informationsflut, die immer größere Wirrsinnswellen verszeugt, denn das weltomspannende Kommunikationschos, gebiert Arschahnungstäter und Wutgläubige laller Orten. Niemand ist mehr allein mit seiner Meinung, aber die Meinungen werden weder besser noch wahrer davon. Dunerrweise ist laber der virtuelle Raum, dessen Energiehunger nicht viel kleiner ist, als der, der realen Welt, so unbewohnbar wie das Wasserlose Innere einer Wüste.

Zum weiter tanzen fehlte uns nach diesem ganzen Drama nun wirklich die Lust, wir holten unsere Taschen am Tresen ab und machten uns halbwegs nüchtern auf den Rückweg. Die Straßen waren ziemlich dunkel, außer ein paar Arbeitern vom Schlachthof, der das Karolinenviertel und die Schanze damals noch dominierte, war kaum jemand unterwegs und den Weg über die Glitzerbrücke, durch die ehemalige Schlachthofhalle, gab es auch noch nicht. In der Sternstraße standen die Türen zum Arbeitsbereich der Schlachter offen und gaben den Blick auf endlose Reihen, von der Decke hängender Schweine und Rinderhälften frei. Durch grausam grelles Licht bewegten sich in diesem Vorhof der Hölle, die frisch geschlachteten halben Tiere ihrer Weiterverarbeitung entgegen. Wir versuchten nicht hin zu sehen und stolperten an ein paar Schlachtern vorbei, die in ihren Blut bespritzten Schürzen eine Rauchpause eingelegt hatten und uns ein paar etwas anzügliche Sprüche hinterher riefen. Im Schulterblatt leuchtete nur noch die Lichtreklame des Amsterdamers, ein Imbiss der sich mittlerweile Big Food nennt, wahrscheinlich weil es dort alles mögliche an Fast Food, von Döner bis Pizza gibt, außer halben Hähnchen und Hamburgern, dem Angebot des Amsterdamers. So wie einst der Amsterdamer, hat allerdings Big Food auch fast rund um die Uhr geöffnet und beruhigt mit seinem Angebot die übersäuerten Mägen des trinkenden Publikums, was lange nicht immer gut geht. Die Hinterlassenschaften dieser Exzesse werden heute im Morgengrauen von der Stadtreinigung beseitigt, damit die Touristen sich wohl fühlen, damals kümmerten sich Schwärme von Möwen und Tauben um das weggeworfene oder hoch gewürgte Fast Food, weswegen ich die Zeit der Dämmerung vor Sonnenaufgang, gerne als Stunde der Geier bezeichnete. Autos waren kaum noch unterwegs und die wenigen Fußgänger die vorbei kamen waren entweder in Eile und auf dem Weg zur Arbeit, oder torkelten nach hause zurück. Die Straße gehörte den Vögeln, die sich an ihrem reich gedecktem Tisch nicht stören ließen und höchsten schrill kreischend von der Straße erhoben, wenn dann tatsächlich mal ein Fahrzeug vorbei kam, um dann ganz schnell wieder zu landen und weiter zu fressen. Das fliegende Geschwader der Straßenreinigung, war nicht ganz so effektiv, wie die modernen Kehrfahrzeuge und die Schanze immer ein bisschen dreckig. An heißen Sommertagen roch es manchmal wie in den großen Städten des Südens, nach Essen, Müll und Abgasen. Als wir die Haustür öffneten, bellte der Schäferhund in der Nachbarschaftskneipe unten im Haus und in der Wohnung unter uns, bei Ewald Neitsch, der eine Schlachterei betrieb, brannte auch schon wieder Licht. Der große Mercedes Kombi, mit der Logo der Schlachterei unseres Wohnungsnachbarn, stand oft direkt vor der Haustür, oder vor einem Torweg in der Lerchenstraße, dem Hinterausgang der Schlachterei. Ewald Neitsch hatte es nicht weit bis zu seinem Arbeitsplatz, er brauchte nur quer über die Straße zu gehen. In einem kleinen Verkausraum am Schulterblatt, wurde ein Teil der Produktion gleich weiter verkauft, aber nach hinten wurde der Laden immer größer und reichte über den Hinterhof bis zur Lerchenstraße. Glücklich darüber, nicht dem frühzeitig aufgestandenem Schlachtermeister auf dem Weg zur Arbeit in die Arme gelaufen zu sein, was manchmal passierte, fielen Heidi und ich ins Bett.

Nicht jede Greta ist eine Garbo.

BRATEN STERBEN.

Omsere weise Tratschlenkerin trat aktuell spinn der Klimaarena, vor üppig grünem Zinkergrund auf. Schmulässiger wären wohl Bilder der brennenden Amazonaswälder oder Dürregebiete Afrikas gewesen. Wer Recht hat und wer Unrecht hat, wer untergeht und wer überlebt, wird sowieso die Geschichte zeigen, aber ein bisschen mehr Wille und Wagnis zur Klima rettenden Aktion, seitens omserer Poly Trickster, wäre schon schön, denn was man schön redet, muss noch lange nicht schön werden und wer sich nicht wehrt, lebt verkehrt. Angeblich gibt es ja kein richtiges Leben im falschen Leben, aber vielleicht gibt es ja richtige Verhaltensweisen im falschen Leben. Mit dem Kopf im Sand geht auch nicht mehr lange weiter, weil es bald keinen Sand mehr gibt, in den man seinen Betonkopf stecken könnte und Stecknadeln im Heuhaufen sollte man gar nicht erst suchen.

Gemeinsam schleppten wir Gaby nach draußen in den Garten der Minidisko und organisierten einen Stuhl mit Lehnen für sie. Sämtliche Farbe war aus Gabys Gesicht gewichen und am liebsten hätte ich sie auf den Boden gelegt und ihre Beine solange hoch gehalten, bis ihr Kreislauf sich wieder stabilisiert hätte, aber HaHe wollte das nicht. Ihm war die ganze Situation eher peinlich und fast hätten wir uns gestritten, weil er immer noch mit Gaby schimpfte und am meisten nervten ihn all die selbsternannten Drogenkollaps und Kreislaufspezialisten, die Gaby neugierig anstarrten und uns ungefragt mit guten Ratschlägen versorgten. Im Wesentlichen wurde uns empfohlen Gaby mit Schokolade oder O-Saft zu versorgen, aber Heidi ging wieder rein und organisierte ein Glas Wasser. Ich musste mich schwer zusammen nehmen, um nicht laut los zu lachen, denn die Situation, Gaby aschfahl in ihrem Sessel hängend, daneben HaHe total genervt von all den hilfsbereiten, ziemlich breiten Gästen, entbehrte einer gewissen Komik nicht. Langsam kehrte etwas Farbe in Gabys Gesicht zurück und die Lage entspannte sich ein wenig, aber bevor wir Gaby nach Hause eskortieren konnten, bahnte sich schon das nächste Unglück an. Während wir uns alle um Gaby gekümmert hatte, war Klaus friedlich und völlig unbeachtet auf seiner Bank eingeschlafen. Cauca, mit ihrem Krankenschwestergen, war von Klaus Seite gewichen, um Gaby zu helfen und Klaus neue Kumpel, die mit ihm geraucht hatten, fanden es nicht sonderlich ungewöhnlich, dass einer der Gäste einfach einschlief, sie rauchten einfach weiter und ließen Klaus schlafen. Als Cauca Klaus entdeckte, war er schon ziemlich komatös und nicht etwa vom Rauchen. Ihm war auch nicht übel geworden, so wie Gaby, die besser auf den ganzen Ouzo nichts mehr geraucht hätte, er war wahrscheinlich schwer unterzuckert und anstatt auf der Toilette seinen Zuckerspiegel zu regulieren, hatte er sich dort nur mit Rauchwaren versorgt. Verzweifelt versuchten wir Klaus aufzuwecken, HaHe wollte einen Krankenwagen rufen, aber Cauca sträubte sich dagegen, weil sie genau wusste, dass Klaus ausflippen würde, wenn wir ihn ins Krankenhaus verfrachten würden. Hektisch suchte sie nach dem Traubenzucker, den Klaus eigentlich immer dabei hatte und als sie das Päckchen endlich in einer Tasche seines Parkas fand, schob sie Klaus eine der großen, weißen Traubenzucker Tabletten unter die Zunge. Erst passierte gar nichts, HaHe warf Cauca, die kurz davor war los zu weinen, Fahrlässigkeit vor, aber dann gab Klaus ein paar rudimentäre Lebenszeichen von sich. Cauca schob ihm noch eine Traubenzucker Tablette in den Mund und als er die Augen auf machte noch eine. Mittlerweile hatte sich fast der gesamte Laden um uns versammelt, einige Gäste waren wie HaHe der Meinung, das es besser sei einen Krankenwagen zu rufen, aber das Tresenpersonal war sowieso schon sehr besorgt um den Ruf der Minidisko und nicht so erbaut von der Vorstellung, nun auch noch einen Krankenwagen mit Blaulicht vorm Laden stehen zu haben. Stattdessen bestellten sie ein Taxi, halfen HaHe und Cauca dabei Klaus ins Taxi zu bugsieren, erklärten dem Taxifahrer die Situation und versicherten im, dass Klaus ganz bestimmt nicht in sein Taxi kotzen würde. Gaby stand mittlerweile wieder auf eigen Füssen und setzte sich zu Klaus und Cauca auf die Rückbank, HaHe stieg vorne ein und übernahm das Kommando. Heidi und ich blieben im Garten der Minidisko zurück.

Vögeln braucht man keinen Vogel zeigen.

MAUSFRIEDENSBRUCH.

Gegen die Einheit zu demonstrieren, grenzt schon ein wenig an Beschränktheit, denn was könnte besser sein als Einheit, denn in der Einheit gibt es keine Uneinigkeit, womit das Übel an der Wurzel gepackt wird. Um gemeinsam stark zu sein, müssen wir und halt auch einig sein oder wenigstens einig in Uneinigkeit. Nun sind alle in einem Boot noch lange nicht alle unter einem Dach und die meisten stehen sowieso im Regen. Regenschirme nützen da letztendlich auch wenig und Rettungsschirme gibt es nur für Banken. Wo kein Notausgang ist, kann man sich auch nicht durch den Notausgang retten und Not am Mann ist nicht Not an der Frau, aber in der Not frisst der Teufel Fliegen oder die Noten von der Notenbank. Das Notlügen die Kinder von Notlagen sind, macht sie nicht wahrer und selbst wenn die Notenbank immer mehr Noten druckt, wird das Geld nicht mehr davon.

Das Lokal, mit niedrigen Decken im Souterrain eines herunter gekommen Altbaus aus der Gründerzeit untergebracht, war nicht besonders groß und bevor die Situation vollends eskalierte, erschien der Wirt, dem die Differenzen zwischen seinen Gästen nicht entgangen waren, ungefragt am Tisch und präsentierte uns freundlich aber bestimmt die Rechnung, garniert mit einem Abschiedsouzo für jeden. Die K-Gruppe am Nebentisch gehörte ganz offensichtlich zu den Stammgästen des Restaurant und konnte bleiben. Obwohl wir allesamt keineswegs mehr nüchtern waren, waren wir nun aber viel zu aufgebracht, um sofort den Heimweg anzutreten und die Minidisko an der Ecke Karolinenstraße / Marktstraße lag sowieso direkt auf unserem Weg. HaHe war nicht begeistert von der Idee, er bevorzugte das PickenPack oder das Mader beim Geomatikum, aber er wollte auch nicht alleine nach hause gehen. Die Minidisko war brechen voll, die Luft zu Schneiden dick, fast schon neblig, trotzdem es ziemlich eng war wurde sogar ein bisschen getanzt und ein paar Gäste waren bereits deutlich sichtbar über die Grenze zu anderen Sphären gewandelt. Klaus verschwand sofort auf der Toilette, angeblich um seinen Zuckerspiegel zu regulieren und kurz bevor wir anfingen uns Sorgen zu machen, weil er nicht wieder auftauchte, erschien er mit auf der Toilette erworbenen Rauchwaren. HaHe rollte mit den Augen, er war überzeugter Trinker und außerdem waren wir wirklich alle gar nicht mehr nüchtern, aber Cauca, Gaby, Heidi und ich waren in Abenteuerlaune. Wir verdrückten uns in den ebenfalls gut besuchten Garten und Klaus rollte eine Tüte. Nach ein paar tiefen Zügen reichte Klaus die Tüte weiter, HaHe warnte uns noch, bloß nicht zu heftig zu ziehen, was Gaby dazu animierte besonders tief zu inhalieren, aber Cauca, Heidi und ich beherzigten HaHes Rat. Die Tüte kreiste und war schnell runter gebrannt, denn unsere kleine Runde war bereits gewachsen. Als Klaus die nächste Tüte baute, wurde Gaby schon übel und HaHe, der das alles hatte kommen sehen, schleppte sie wütend zur Toilette. Heidi und ich schwebten wie auf Wolken wieder in die Minidisko um zu tanzen und Cauca bliebt draußen im Garten bei Klaus und seinen neuen Bekanntschaften. Die Innenbeleuchtung der Minidisko bestand zum größten Teil aus Teelichtern auf den Tischen und Fensterbänken und den bunten Lampen über der Bar, die sich mit einer tanzenden Krishna Statue schmückte. Entsprechend schummerig war es und eingedenk der Zettel mit den Warnungen vor Taschendieben, gaben wir unsere Handtaschen zur sicheren Verwahrung beim Tresenpersonal ab und dann tanzten wir auf der winzigen Tanzfläche. Von den Wänden der Minidisko sendeten die Spiegelscherben geheimnisvolle Lichtblitze durch den Nebel der Rauchschwaden, es roch nach Sandelholz und Patschouli, irgendjemand hatte Räucherstäbchen mit gebracht und in einer Ecke gleich ein ganzes Bündel davon angezündet, Indien war nicht mehr weit. Als HaHe Gaby wieder von der Toilette nach draußen schleifte, tanzten Heidi und ich immer noch, aber HaHe unterbrach unsere selige Trance rücksichtslos und holte uns Gnadenlos zurück, damit wir ihm halfen Gaby wieder halbwegs auf die Beine zu bringen.

Ein Teller ohne Rand ist kein Teller.

SAFT AKTE.

Karl ist ja nun tot und vielleicht wäre es sinnvoll und sogar in seinem Sinne gewesen, den ganzen Modewahnsinn mit ihm und seiner Sonnenbrille, seinen Fingerlosen Sportwagenfahrer Handschuhen, seiner royalen Halskrause und seinen fett silbernen Bikerringen zu Grabe zu tragen. Umdenken ist angesagt, anders denken, neue Wege beschreiten. Das der Kapitalismus eine Kackgasse ist, sollte eigentlich jedem Fridays for Future Demonstranten klar sein. Wer wirklich was für das Klima oder seine Umwelt tun will, verzichtet aufs Auto, fliegt nicht mehr und isst möglichst regional. Wir sind so unendlich reich in unserm Neurom und so unendlich egoistisch. Slow Food ist ja schon angesagt und der nächste Schritt heißt Slow mowing. Reisen mit Rücksicht auf die Umwelt, innehalten, Pause machen, nachdenken, der Winter naht sowieso.

Es war eine wunderbar laue Septembernacht gegen Ende der Sommersemesterferien. Den Nachmittag hatten wir im Jenischpark unter einer alten Eiche verbracht, HaHe und Klaus hatten ihre sportlichen Fähigkeiten beim Federball und im eleganten Frisbeewurf unter Beweis gestellt und Cauca und Gaby, HaHes Flamme, hatten mitgehalten. Heidi und ich schwitzten nicht so gerne und zogen es daher vor, die milde Herbstsonne zu genießen und zu lesen. Wieder zurück im Viertel beschlossen wir uns ein Essen, bei einem der Griechen in der Karolinenstraße zu gönnen. Wegen seiner günstigen Preise und der politischen Einstellung des Inhabers, wurde das Lokal hauptsächlich von Studenten und Mitgliedern, der damals ziemlich aktiven K-Gruppen besucht. Zum Einstand gab es einen Ouzo auf Kosten des Hauses, dann bestellten wir einen halben Liter Ouzo und Wasser oder Cola dazu für alle und der Ouzo wurde stilecht wie in Griechenland, in einer orange schillernden Blechkanne serviert. Auf dem Weg zur Toilette kam ich an Küche vorbei, deren Tür offen stand und auch die Küche konnte mit ihrem etwas schmuddeligen Ambiente, ohne weiteres mit etlichen Küchen, die ich in Griechenland gesehen hatte standhalten. Das Essen schmeckte uns trotzdem gut, das Taziki enthielt genug Knoblauch und es gab reichlich Brot dazu, nur Heidi war nicht mit ihrem Moussaka einverstanden, was aber aber auch ziemlich normal war, denn Heidi hatte beim Essen immer etwas zu bemängeln. HaHe vertilgte dann anstandslos den größeren Rest von Heidis verschmähtem Moussaka. Noch während wir beim Essen saßen, schaffte HaHe es sich in die Diskussion einer K-Gruppe am Nachbartisch einzumischen, was dazu führte, dass noch eine Viertel Liter Kanne mit Ouzo auf unserem Tisch landete. Die Diskussion wurde immer hitziger, HaHe sympathisierte mit dem MSB, aber bei der Gruppe am Nachbartisch handelte es sich um Anhänger des KBW. Jedes Semester wieder, erschienen die Anhänger dieser und von noch ein paar mehr politischen Gruppen, zu Beginn der Seminare und langweilten uns mit endlos langen, abgehobenen und in völlig unverständlichen Poltisprech gehaltenen Vorträgen. Beim Griechen musste ich das nun wirklich nicht auch noch haben und als ich mich mit der Frage, „Ob sie ihre bourgeoisen Gegner, nach der direkt vor der Tür stehenden Revolution, immer noch in die Fischmehlfabrik stecken wollten?“ in die Diskussion einmischte, eskalierte die Situation. In die Fischmehlfabrik hatten die Aktivisten vom KBW, die sich im Zuge des Widerstand gegen das Atomkraftwerk Brokdorf in Itzehoe niedergelassen hatten, mich immer wieder stecken wollen, wenn ich ihnen männlichen Chauvinismus vorwarf und mich nicht der Theorie von Haupt und Nebenwiderspruch anschließen wollte. HaHe bevorzugte sowieso die DKP und später den MSB, denen immerhin klar war, dass die Revolution wohl nicht direkt vor der Tür stand und außerdem die bessern Partys schmissen. Wie man provoziert hatte ich auf den Partys allerdings auch gelernt und als ich mir einen Ouzo schnappte und auf das schöne, bourgeoise Leben leerte, kam es fast zu Handgreiflichkeiten.

Der Berg ruft schon lange nicht mehr, er kommt.