STUSS
     MUND

aktuell: Mittsommer
auf Alsen
2019
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04.06.20 01.06.20
FEE PULT.

Das Abstand halten im Vergnügungsviertel ein Widerspruch in sich ist, kann ich seit der Lockerung der Corona Beschränkungen, jeden Tag wieder beobachten und es ist nicht die Ausnahme, sondern die Regel. Letztendlich ist so ein Vergnügungsviertel auch nichts anderes, als ein gigantischer Club unter freiem Himmel. Folgerichtig müssten Vergnügungsviertel für die Dauer der Corona Krise eigentlich geschlossen werden, aber der Konflikt wird wie immer, zu Lasten der Wohnbevölkerung gelöst. Wer nach hause will, oder das Haus verlassen, wird gezwungen sich durch ein stehendes Festival zu kämpfen. Wo jedes Viertel seine eigenen Clubs und Kneipen, Bars und Diskotheken hat, wird so ein stehendes Festival vermieden, die Verdienstmöglichkeiten gleichmäßiger verteilt und die Wohnbevölkerung gerechter belastet. Weite Wege fallen weg und Infektionsketten werden überschaubar. Nicht nur regional kaufen, auch regional feiern, den regional ist das neue Öko.

Auch wenn er nicht so aussah, war Onkel Karl doch viel fürsorglicher, als Tante Frauke. Ihre Gäste überließ Tante Frauke größtenteils sich selbst, wenn sie nicht gerade dringend wieder zum Reiten musste, setzte sie sich auch dazu, aber damit hatte es sich dann schon. Es war Onkel Karl, der den Gästen Getränke anbot, in der Küche verschwand, Tee und Kaffee kochte, sich entschuldigte und zum Bäcker fuhr und Kuchen besorgte, wobei er sich nicht lumpen ließ. Zurück mit einem üppig beladenen Kuchentablett, umsorgte und unterhielt Onkel Karl die Gäste dann wieder und Tante Frauke verabschiedete sich und fuhr zu ihren Pferden. Das Geschäft mit den Ölöfen auf Rädern lief nach wie vor gut, nicht nur bei Oma Fanny in der Dürrstraße standen Onkel Karls rollende Öfen, auch bei meinen Großeltern in Wrohm. Die Öfen konnten dort eingesetzt werden, wo sie gerade benötigt wurden, Heizöl war billig und noch lange nicht jeder Haushalt, war mit einer Zentralheizung ausgestattet. Selbst im Haus von HaHes Eltern, in Lägerdorf am Rand der gewaltigen Kreidegruben, stieß ich noch auf einen von Onkel Karls rollenden Ölöfen und da war Onkel Karl schon seit einigen Jahren tot. Das alte Kreidefabrikantenhaus war ziemlich herunter gekommen, die meisten Zimmer wurden mit Öl und Kohleöfen beheizt, nur ein paar privilegierte Räume waren an eine Zentralheizung angeschlossen. Überall standen einstmals prächtige Intarsienmöbel, die grässlich misshandelt wurden, was man den Intarsien dann auch ansah. Auf dem großen, verwilderten Grundstück befand sich auch ein riesiger Schuppen, den HaHes Vater als Werkstatt und Garage für seine Autos nutzte. Er kaufte, obwohl er es wirklich nicht nötig hatte, prinzipiell nur ein bis zweijährige Gebrauchtwagen, weil er der Meinung war, dass Neuwagen viel zu teuer seien und nur einem Angeber Bedürfnis dienen würden. Das Preisleistungsverhältnis würde erst stimmen, wenn der Wagen nicht mehr ganz neu sei und der Preis entsprechend gefallen. Seine Fahrzeuge reparierte er zum Leidwesen seiner Frau Erika, die nach dem zweiten Kind ihre Karriere als Studienrätin am Gymnasium aufgegeben hatte, dann auch noch am liebsten selbst. Was Erika nun nicht mehr ihren Schülern angedeihen lassen konnte, ließ sie ihren vier Kindern zukommen, die gar nicht davon begeistert waren. Sie war der Schrecken aller Lehrer und Lehrerinnen an den Itzehoer Gymnasien und ganz besonders an der KKS. Im Schuppen wurden aber nicht nur Autos geparkt und repariert, der Schuppen war auch mit ausrangierten, alten Möbeln aus dem Bestand des Kreidefabrikanten voll gestellt. HaHes Großvater, ein sehr wohlhabender Tafelkreidefabrikant und Jurist, war von den Nationalsozialisten in großen Teilen enteignet worden und außerdem hatten sie die Tafelkreidefabrik lahm gelegt, indem sie die Arbeiter der Tafelkreidefabrik für andere, kriegswichtige Arbeiten abzogen. Auch die schönen Herrschaftsvillen in der Talstraße und am Breitenburgerweg, sowie Grundbesitz überall in der Stadt, hatten die Nazis enteignet. Das Haus an den Kreidegruben war keine Villa, sondern ein ehemaliges Verwalterhaus. Als der Krieg zu Ende war, erhielt der Großvater einen Teil seines geraubten Besitzes wieder zurück, darunter viele alte Möbel. Das Angebot der Alliierten, als Richter am Landgericht zu arbeiten, denn er gehörte zu den wenigen, unbelasteten Juristen, lehnte er allerdings, mit dem Argument, er hätte sich mittlerweile daran gewöhnt auszuschlafen, dankend ab. Die schönen, alten Möbel aber wurden im Schuppen feucht und verstaubten.

Auf den Punkt kann man kochen, aber nicht essen.

SCHUMMEL BUCH.

Im Schulterblatt ist Corona Vergangenheit und deswegen Zukunft. Abstand wird nicht gehalten, auf dem Bürgersteig ein stehendes Festival und Müllberge. Die Tauben freut es, sie mussten lange genug darben und die Anwohner wurden sowieso schon seit längerem verraten und verkauft. Neu Rom ist ein Geschäftsmodell, das auf Umweltzerstörung basiert und gefeiert wird nicht für den Frieden, sondern für die Zerstörung der Artenvielfalt. Das alles mit dem unseligen und übermächtigen Walten der Hormone zu entschuldigen, erscheint mir selbst für junge Menschen etwas schäbig, auch wenn man nur einmal jung ist. Alt ist man im übrigen auch nur einmal und Alter schützt noch nicht mal vor Dummheit. Ob alte Schuhe wirklich alt machen, oder nur alt aussehen, kann hier nicht beantwortet werden, aber alter Käse schmeckt aromatischer, als junger Käse, selbst wenn das alles Käse ist.

Nachdem die Pferde versorgt waren, fuhren wir keineswegs zurück nach Niendorf, denn Tante Frauke hatte nicht vor zu kochen. Onkel Karl war klug genug, seine Frau mit solchen Ansinnen zu verschonen, er legt Wert auf gutes Essen in gepflegter Atmosphäre und ging deswegen meistens mit seinen Geschäftsfreunden essen und Tante Frauke ließ sich ebenfalls lieber bekochen. Zusammen mit zwei perfekt angezogenen Reiterinnen in Tante Fraukes Alter, gingen wir ins Vereinshaus des Reiterhofes. Das erste, was mir ins Auge fiel, war die Wand mit den Turnierschleifen. Ein paar davon hatte ich schon in Cousine Karins Zimmer gesehen, aber das waren Peanuts, gegen diese Wand voller bunter Turnierschleifen. Cousine Karin hatte mir die Bedeutung der Farben erklärt, Blau für den ersten Platz, Rot für den zweiten Platz Gelb für den dritten Platz, Weiß für den vierten Platz, Rosa für den fünften Platz, Grün für den sechsten Platz, Lila für den siebenten Platz; Braun für den achten Platz, Dunkelgrün für den neunten Platz und Hellblau für den zehnten Platz. Abgesehen von den drei ersten Schleifen, in Blau, Rot und Gelb, dienten die anderen Schleifen eigentlich nur der Dokumentation über die Teilnahme an einem Turnier. Die Wand im Vereinshaus wurde von blauen und roten Schleifen dominiert, dazwischen ein bisschen Gelb. Tante Frauke und ihre Freundinnen bestellten sich als erstes Martinis mit einer Olive im Glas, Cousine Karin bekam eine große, eisgekühlte Coca Cola und ich Orangensaft. Es gab Salat und zu meiner Begeisterung Königinnenpastete, Höhepunkt der Einkaufstouren mit meiner Mutter nach Hamburg. Hochbeladen mit Tüten landeten irgendwann am Nachmittag in Alsterpavillon und dort gab es nicht nur Kaffee und Kuchen, sondern auch Königinnenpastete. Wenn alles gut ging, gab es nach der Königinnenpastete noch ein Eis und keineswegs etwa den drei Kugel Standard aus Vanille, Erdbeere und Schokolade mit mit Waffel und Sahne. Im Alsterpavillon wurden die ersten Banana Splits serviert, Höhepunkte der Exotik. Mir reichte aber auch die ganz normale drei Kugel, Vanille, Erdbeere und Schokolade Version mit Sahne und die gab es auch im Vereinshaus des Reiterhofes. Tante Frauke und ihre Freundinnen waren sehr beschäftigt, denn in zwei Wochen sollte der alljährliche Reiterball statt finden. Tante Frauke war Vorsitzende des Organisationskomitee und nachdem sich auch noch zwei Reitlehrer mit an unseren Tisch gesetzt hatten, liefen Tante Frauke und ihre Freundinnen zu Hochform auf. Am Tisch wurde die nächste Runde Martins serviert. Tante Frauke war tausendmal freundlicher und charmanter, als ich sie je erbebt hatte und sie lachte über die Witze der Reitlehrer. Ich fühlte ich mich ziemlich überflüssig, Cousine Karin ging es genauso und wir verabschiedeten uns vom Tisch, ohne das es irgendwie aufgefallen wäre. Zurück im Stall machten wir es uns bei Karins Pferd in der Box gemütlich und mehrere Stallkatzen leistete uns Gesellschaft. Pferde sind ganz wunderbar warm und groß und nicht nur Katzen lieben das. Außer zum Zerfetzen, sind Turnierschleifen Katzen auch total egal und Cousine Karin erzählte mir, dass ihre Mutter alle Turnierschleifen, die sie nach Hause gebracht hatte und die nicht Blau, Rot oder Gelb waren, sofort vernichtet hatte. Als Tante Frauke uns aus der Box holte, war es schon lange dunkel geworden. Bevor wir ins Bett gingen kochte Onkel Karl uns noch einen Kakao.

Der Zwerg ruft.