STUSS
     MUND

aktuell: Mittsommer
auf Alsen
2020
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21.04.21 18.04.21 15.04.21 12.04.21 09.04.21 06.04.21 03.04.21
WELKEN REVOLUTION.

Am 27.04. 2021 geht es weiter.

LALL GERUCH.

Das man Speisekarten nicht verspeisen kann, ist nicht unbedingt zwangsläufig, aber doch meistens so und im Speisewagen gibt es nicht immer, was auf der Karte steht. Ob kleine, grüne Männchen es wirklich auf Götterspeise abgesehen haben, wird wahrscheinlich niemals abschließend beantwortet können, denn die Zukunft ist sowieso grün. So wird grün denn das neue schwarz und wer nicht schwarz/grün ist, flüchtet in schwarz/bunte Träume. Kleine Schwarze schlagen, schwarz/weiße Musterbögen und große Opern finden leider nicht mehr statt, aber solange die dicke Frau noch singt, geht der Ofen nicht aus. Wer die Ofenkartoffeln aus dem Feuer holt, muss keine Erbsen mehr zählen und wartet auf die Erdbeerzeit. Mit einem Sparschäler kann man Spargel schälen, aber keine Daten retten und ohne Speisestärke geht es sowieso nicht. Was immr noch fehlt, ist die theoretische Durchdringung des Spargelkopfes, der das Beste vom Spargel ist.

Johannes litt sehr darunter, dass er, im Gegensatz zu einigen seiner ehemaligen Kommilitonen, bisher kommerziell nicht besonders erfolgreich war. Mittlerweile hatte er seinen vierzigsten Geburtstag gefeiert und war verantwortlich für ein paar Wandbilder in und um Hamburg. Die Wandbilder waren zwar etwas relativ neues in Hamburg, aber nicht in Los Angeles oder San Francisco, wo Johannes ein paar Jahre gelebt hatte. Mit der Idee für die Wandbilder war er zurück nach Hamburg gekommen und hatte mit einem Freund, der bisher auch noch nicht als Maler erfolgreich geworden war, die Wandmalergruppe gegründet. Er verliebte sich, wie einige andere auch, auf der Stelle in Johanna, die ohne weiteres als seine Tochter durch gegangen wäre. HaHe hatte seine kleine Schwester in die „Margarete“ mitgenommen und dort traf sie auf Johannes, der mit seinem Kompagnon Fritz und dessen Freundin Hannah, am Tresen saß. Hannah verehrte Fritz abgöttisch und wahrscheinlich wünschte Johannes sich etwas ähnliches, aber damit war er völlig schief gewickelt, denn Johanna verehrte nicht, sondern wollte verehrt werden. Trotzdem verliebte sie sich in Johannes und als ich sie fragte, warum sie sich in so einen alten Knacker verliebt hätte, begründete sie es damit, dass Johannes wie Tom Waits, den sie großartig fand, aussehen würde. Das Tom Waits Argument konnte ich zwar nicht so ganz nachvollziehen, aber Johannes konnte durchaus sehr witzig und geistreich sein, was mir auch gefiel. Sie stürzten sich in eine hoch dramatische Beziehung, an der nicht nur ich, sondern auch die gesamte Stammbelegschaft des Kulturvereins „Margarete“ teil hatte. Wenn Johanna mal wieder wutentbrannt aus dem Laden gestürmt war, wurde der Vorfall erst am Tresen ausgiebig diskutiert, unter Bildung von Unterstützergruppen von allen Seiten beleuchtet und dann machte ich mich in Begleitung von Johannes auf den Heimweg. Mit Johannes ging ich das erste Mal in „Erikas Eck“, wo die Schlachter mit Blut befleckten Schürzen, nach ihrer Schicht üppige Gabelfrühstücke vertilgten. Außer den Schlachtern waren nur ein paar wenige Nachtschwärmer, wie Johannes und ich, unterwegs. Die Fleisch beladenen, Bratkartoffel schwangeren Teller, wurden von einer nie abreißenden Phalanx kurzer Schnäpse flankiert und für den kleinen Hunger gab es erstaunlich große, belegte Brötchen. Bevor wir bei „Erika“ eingekehrt waren, hatten Johannes und ich eine Runde durch die kleinen, schmalen Straßen rund um den Schlachthof gedreht und tiefe Einblicke in Hallen genommen, in denen tote Tierhälften, an Hacken gehängt, von einem Verarbeitungsschritt zum nächsten transportiert wurden. Die Tore der Verarbeitungshallen, waren mit Vorhängen aus breiten, schmutzig vergilbten Plastikstreifen verhängt und was sich hinter diesen Vorhängen, in einem krankhaft bläulichem Licht abspielte, sah aus, wie ein Bild von Hieronymus Bosch.

Lügen haben kurze Beine, aber lange Leben.

MOND NACKEN.

In meiner Jugend gab es noch Brillenschlangen und Flintenweiber, feurige Zigeuner und Zigeunerinnen, kleine Französinnen und normannische Kleiderschränke, edle Indianerhäuptlinge, verwegene Piraten, tollkühne Korsaren, heiße Feger und Blonde beiderlei Geschlechts, die einfach mehr Spaß hatten. Unter die Räuber musste man nicht fallen, weil es viel einfacher war unter die Räuber zu gehen, aber dann kam die Sprachpolizei. Zwar konnte sie nicht verhindern, das Shakira sich ihre dunkle Lockenmähne blond färben ließ und der Schönheitswahn sich in die Herzen des Medien süchtigen Volkes fraß, aber den Spaß an verspielten, schnellen und schnodderigen Wortwechseln, konnten die kleingeistigen Haarspalter schon ganz schön verderben. Das man sich beim Tanzen sehr leicht auf die Füße treten kann, sollte kein Grund sein, das Tanzen zu verbieten und nichts anderes gilt für verbale Tänze.

Zum Entsetzten etlicher unserer männlichen Kollegen, der Anteil der Fahrerinnen unter den Piloten lag ungefähr bei knapp zehn Prozent, traf der Ritterschlag Johanna und mich. Johanna, die mich eine halbe Woche lang eingegefahren hatte, bevor ich bei den Piloten anfing. Drei Tage saß ich neben Johanna auf dem Beifahrersitz ihres Opel Kadett Kombi, auf der Ladefläche tobte Ratzfatz herum und bellte jeden Hund an, an dem wir vorüberfuhren. Meistens war Ratzfatz auch dabei, wenn wir das Transportgut am Tresen einer Agentur, in einer Werkstatt, einem Fotostudio oder Labor abholten und ablieferten, es sei denn dort residierte ein Hund, mit dem Ratzfatz nicht kompatibel war. In solchen Fällen bellte er im Auto, bis wir wieder einstiegen. Ich lernte die Funke zu bedienen, ein und auszubauen, ein paar der wichtigsten Kunden kennen und versuchte mir ihre Standorte und die Anfahrtswege zu merken. Das „Wochenende verbrachte ich auf dem Land und am folgenden Montag trat ich zu meiner ersten Schicht bei den Piloten an. Als der Funker mich damit beauftragen wollte, eine Sendung in der Veringstraße in Wilhelmsburg abzuholen, kam es zum Gau, denn anstatt Veringstraße, verstand ich Behringstraße und die liegt in Ottensen. Ich nahm den Auftrag an und fuhr nach Ottensen, fand die Hausnummer, aber nicht den Kunden. Hilfe suchend wand ich mich an den Funker, der ausflippte, als er erfuhr, wo ich mich befand und ein Loch in die Pappwand seines Kabäuschens trat. Die Geschichte ging in die Folklore der Piloten ein und ich hatte schon am ersten Tag meinen Ruf als kiffende Chaotin weg. Das ich in der Folgezeit die eindringliche Frage, nach meinem aktuellen Standort, immer mal wieder damit beantwortete, dass ich erst mal ein Straßenschild finden müsse, verfestigte diesen Ruf noch mehr. Meine Hausverbote, ausgelöst durch exzentrische Bekleidung, dass Kurierfahrzeug, einen mit Graffiti übersäten VWBus, klare Ansprache und ein festes ins Auge fassen meines Gegenübers, denn anders geht Hören für mich nicht, verschafften mir aber auch eine begeisterte Unterstützergruppe. Es war gerade erst ein paar Jahre her, dass die „Funk Piloten“ sich aus einer Gruppe, von mit den Arbeitsbedingungen unzufriedenen Fahrern und Fahrerinnen, des großen Konkurrenz Unternehmen „Der Kurrier“, gegründet hatten. Sie organisierten sich als Genossenschaft und strebten bessere Arbeitsbedingungen für alle an. Mittlerweile war man schon ein bisschen von den Idealen der Anfangszeit abgewichen, aber sie waren doch immer noch sehr präsent. Für die meisten Fahrerinnen und Fahrer war mein Arbeitsfahrzeug völlig in Ordnung und meine Klamotten auch, weil es einfach nur mich etwas anging, schließlich saß ich ja nicht im Büro, eine Vorstellung die für den größten Teil der Piloten der blanke Horror war. Sie bevorzugten es, allein und autonom im Auto zu sein. Johanna wusste im allgemeinen eigentlich immer, wo sie sich gerade befand, zeigte auch keinerlei Neigung zu nahe liegenden Verhörern, aber dafür eine umso ausgeprägtere Neigung zu erotischen Verwicklungen, unter etwa neunzig Prozent der Belegschaft und außerdem konnte sie ziemlich hysterisch werden. Unsere Einladung auf das Fest des Werbefürsten aus dem Karoviertel, verdankten wir aber nicht Johannas erotischen Aktivitäten, noch ihrem manchmal wirklich elfenhaften Erscheinungsbild, sondern ihren Freund Johannes, dem Wandmaler. Er hatte mit dem Fürsten, der zwar kein echter Fürst war, aber von Adel, zusammen an der HFBK in Hamburg studiert und natürlich war der Fürst, wie auch Johannes, zu aller erst mal Künstler und dann Werber.

Wer sich vom Acker macht, landet nicht automatisch auf der Straße.

MOOS BREMSE.

You Tube, diese gigantische Erinnerungsmaschine, ist für alle da, gibt jedem etwas, glaubt alles, verbreitet alles. Schrecken und Schönheit, Liebe und Lügen, Wahrheit und Unsinn, Bob singt, Cat singt, Simon und Garfunkel singen, San Franzisko mit Scott McKenzie und Blumen im Haar. Dann Nancy, die zwei Leben hat, eins auf der Erde und das andere in den wilden Weiten der Phantasie, wo die leidenschaftliche Liebe regiert. Wenn nichts mehr hilft, hilft You Tube. Zum jubeln ist es trotzdem nicht, denn der Schaden ist größer, als der Nutzen. Wenige werden reich, aber die meisten werden desinformiert und merken es noch nicht mal. Zurück zum Wandtelefon in der Dorfgaststätte, das, dass einzige Telefon im Dorf ist, hilft auch nicht weiter, weil die Geschichte immer voran schreitet, selbst wenn es zurück geht. Trotzalledem ist es möglich, die Uhr zurück zu drehen, denn echte Bürokraten bewilligen eine Haltestelle und machen nicht mal vor der Zeit halt.

Im gesamten Stadtgebiet waren riesige Werbetafeln allgegenwärtig. Großformatig klebten sie an Häuserwänden, die auch ohne die frohen Werbebotschaften, schon vorher verschandelt waren, denn die nach dem Krieg, in Windeseile hoch gezogenen Wohnblöcke, waren zwar bewohnbar, aber ästhetisch eine Zumutung. Den alten, vom Krieg und Profitgier verschonten Häusern, in den weniger begüterten Stadtteilen, denen kein umfassendes Renovierungsprogramm zu Gute gekommen war, halfen sie, ihre notdürftig geflickten Kriegswunden zu kaschieren. Schwarmartige Zusammenballungen mobiler Werbewände, säumten die großen Durchfahrtsstraßen der drei Ringe und wahre Werbeflächenwälder ballten sich an den riesigen Kreuzungen rund um die Stadt zusammen. Keine Ampelanlage ohne Werbewand, wo Stillstand oder Stau war, war auch Werbung und wer im Stau oder an der Ampel stand, konnte dem Werbeterror nicht entkommen. Selbst eher abseits gelegene Gewerbegebiete blieben nicht verschont, die Werbebotschaften wurden großzügig geteilt, selbst dort wo kaum noch jemand vorbei kam und so manche Werbewand fand ihre zweite Bestimmung als Windschutz und Schattenspender für wilde Tiere. Auf der Suche nach einem Ersatzteillager, wo ich ein hochwichtiges Teil, für einen noch wichtigeren Werbekunden abholen sollte, kam ich im Umfeld der Süderstraße, die unendlich lang ist, vom Wege ab und war plötzlich in einer ganz anderen Stadt. Die schlecht gewartete Straße wand sich durch Müll übersäte Wiesen und Industriebrachen und wurde von selbst gezimmerten, ziemlich windschiefen Hütten aus Palettenteilen, Wellblech und Pappe gesäumt. Die auch hier präsenten Werbewände, waren zu Hüttenwänden umfunktioniert worden und die Straße endete in einer Sackgasse, in der Wäsche im Wind flatterte. Die dritte Welt, die mir Ende der siebziger Jahre zum ersten mal im Hafen von Piräus begegnet war, war schon lange in Hamburg angekommen. Die Schanze mit dem Schlachthof und Gewürz Laue war immer noch rau und spröde und stank manchmal, aber auf der anderen Seite der Gleise im Karoviertel, machten sich die ersten Werbeagenturen, Fotostudios, Offset und Sieb Druckereien breit. Sofern sie kein Loft in einem Hinterhof fanden, zogen sie gerne in das imposante, rote Backsteingebäude von 1907, an der Ecke Glashüttenstraße / Vorwerkstraße, eine ehemalige Fabrik für Drehmaschinen. Die Räumlichkeiten der verlassenen Drehmaschinenfabrik waren von breiten, labyrinthischen Fluren durchzogen und wer sich nicht auskannte, irrte mit seiner auszuliefernden Sendung erst mal über die Stockwerke, auf der Suche nach dem Adressaten. Das gerade erst aus seinem Dornröschenschlaf erwachte Gebäude, stand teilweise immer noch leer und war völlig unrenoviert. Heute befindet sich dort das Stammhaus der Werbeagentur Jung von Matt, aber damals war es wie ein Rohdiamant. Ein paar Häuser weiter Richtung Marktstraße, residierte in einem Hinterhof, ein exzentrischer, freiberuflicher Werbefürst undefinierbaren Alters. Er trug eine wallende, weiße Mähne, grundsätzlich keine Schuhe und galt als genial. Seine Sommerfeste waren im ganzen Viertel berühmt, sein Faible für ätherische Nymphen, egal welchen Geschlechts ebenfalls. Zu seinen Festen eingeladen zu werden, war wie ein Ritterschlag, der nur wenige Piloten traf.

Was nach hinten los geht, hat vorne keine Chance mehr.

SMARTE PFLÄNZCHEN.

Die Gesellschaft zerbricht am Kleinsten und nicht am Größten. Große Probleme können zwischen großen Interessensgruppen verhandelt werden, aber kleine Probleme zerreiben die Realität, völlig ungelöst, jeden Tag wieder zu Staub. Der Staub wird zu Feinstaub und endet im Vergessen. Wer überleben will muss sperrig sein, richtig sperrig, nicht zu fassen, nicht zu fressen und komplett unverdaulich. So wie die krausen, kuriosen und kuscheligen Gedanken einer Baumfee, denn ohne Bäume geht es nicht und ohne Baumfeen erst recht nicht. Wir pflegen unsere extravaganten Gedanken, mehr geht im Lockdown sowieso nicht und so mäandern die unterforderten Gedanken denn durch den Tag und die Nacht und den Traum. Ohne Rücksicht auf Verluste, phantasieren wir trotzdem von einer Welt ohne sozialen Medien und seltene Erden. Erdähnliche Planten soll es ja einige geben, aber die Erde ist einmalig.

Am Roten Baum, in Harvestehude und Winterhude, wo sich in den schönen, alten Villen, ein paar kleinere, aber dafür unübersehlich exklusive Agenturen nieder gelassen hatten, tummelten sich etliche Fotostudios und Modellagenturen. In der City, auf der anderen Seite der Alsterbrücken, waren sie reich oder einflussreich, oder beides, sie hatten es letztendlich noch nicht mal nötig hip zu sein, wobei sie es natürlich meistens waren. Die Modellagenturen und Fotostudios zwischen den alten Villen, waren auf jeden Fall immer hip und im besten Fall schon länger erfolgreich dabei. An den Rezeptionen herrschte nicht milde Herablassung, wie in der City, sondern blasiertes Getue. Natürlich sahen sie alle, wie nach der neusten Mode gekleidete Fotomodelle aus und sie ließen uns gerne auf ihre hochwichtigen Produkte warten, meistens Filme, die zur schnellen Entwicklung, in das auf diesem Gebiet führende Labor am Kleinen Kielort gebracht werden mussten. Ein paar Stunden später fuhren wir die entwickelten Filme oder Kontaktabzüge dann zurück. Wir betrogen sie dafür wo wir konnten, was gar nicht so einfach war, denn die Entfernungen zwischen ihren Studios und dem Labor waren schon lange festgelegt worden, aber bei der Wartezeit im Labor, ließ sich immer noch Zeit rausholen und der Chef des Labors war ein sehr toleranter, älterer Herr, der um unsere miese Bezahlung wusste. Wirklich gruselig wurde es, wenn wir die Filme nicht an der Rezeption des Studios abholen mussten, sondern direkt im Studio, wo noch fotografiert wurde. Oft lagen die Studios, umrahmt von uralten Bäumen und verwilderten Blumenbeeten, im Hinterhof der ehrwürdigen Villen, ehemalige Wirtschaftsgebäude, Stallungen, oder Personalunterkünfte, die entkernt und modernisiert worden waren und genügend Raum boten, für aufwendige Inszenierungen. Durch die mit avantgardistischen, futuristischen, historischen, super kitschigen oder einfach nur auffälligen Möbeln und Dekorationsgegenständen voll gestellten Räumlichkeiten, schlugen wir uns denn zum Zentrum des Geschehens durch. Das Geschreie der Fotografen, mit dem sie ihre Models zu ungewöhnlichen Posen anfeuerten, war unüberhörbar und übertraf jedes Klischee. Wie Rapunzel persönlich, hüpften die Fotokünstler wild gestikulierend um ihre abzulichtenden Objekte und verlangten ihnen, vor opulenten Hintergründen, allerhand Verrenkungen ab. Manchmal kam ich mir vor, wie in einem bizarren Science Fiktion Film. Nicht von der Hand zu weisen war, dass die meisten Fotografen ziemlich schmierig rüber kamen und ihre wenigen, weiblichen Kolleginnen sich durch extremen Hochmut auszeichneten. Hartnäckig hielt sich auch das Gerücht, dass etliche Modell Agenturen, ihre weniger erfolgreichen und das waren die meisten Modells, gerne an Escort Unternehmen weiter vermitteln würden. Für die Kilometerpauschale spielte das alles keine Rolle und so fuhren wir denn die Mappen mit Hochglanzfotografien, die Campagnen Bilder und die Entwürfe zukünftiger, teuer zu bezahlender, Sehnsüchte, über die Alsterbrücken und standen immer wieder im Stau und langweilten uns. Ein Blick in die offenen Umschläge, war wie ein Blick in die Zukunft der riesigen Werbewände, die unseren Weg durch die Straßen der Stadt säumten. „Vom Baby bis zum Greis, alle essen Mais“, bevor der Schwachsinn plakatiert wurde, las ich ihn schon.

Das Kleinste wirkt am größten.

AMEISEN STRAFFE.

NICHTS IST WAHR ALLES IST ERLAUBT I JAPSIS - JADE - JAGUAR - JANUAR LAUDANUM - JAVA RUM OPIUM - ODEON - OBERON BOBELIX BLICKTS QUER SCHLÄGER - ABWEHR JÄGER WÜRDEN TRÄGER - BÜRDEN GEBER BLASEN VERS GASEN - GIFTIGE SCHWADEN TAGE ERTRINKEN - SINKEN SUMPF SOLITÄR TURTEL TAUBEN - LÖWEN MÖWEN TIGER HOSEN - AFFEN POSEN POSSENREIßER - HOSEN SCHEIßER PARK PLATZ WÄCHTER - TRAUM SCHLÄCHTER SPIEGEL FECHTER - RECHTS KNECHTER BLECHT ER BLUT FLUT - BLAU MEISEN LICHT SCHNEISEN - ZEIT REISEN DAS DONG IST KLONG BONG DAS DING IST DRIN DRUIDEN DRUDEL - PUDEL SPRUDEL PECH PERLEN - SCHWINDEL SCHWEFEL DER MIT DEM HAHNEN FEDER HUT MACHT MUT FEUER ROT - FEUER TOT - FEUER FREI - FEUER EI FREUDEN FEUER - FEUER RÄDER - FEUER WAGEN FLAMMEN WERFER - FREKEL KERKER - WOLKEN ERKER WANDELIG - WENDIG - WELLEN ELLEN WILLEN WENDEN OHNE ENDEN ENTEN FLOTT - WERBE SPOTT HEXEN MIT ECHSEN - FLEXEN FLITZEN FLUNKER FLUNDER FLANEURE & MARODEURE - MALZ & MILCH MUSE - ABSTRUSE TRAUERNDE - TRÄUMENDE - SCHÄUMENDE SCHILLER SCHANDE - WUNSCH LANDE. FLAMMEN WERFER - FREKEL KERKER - WOLKEN ERKER

Meine Tätigkeit als Funkpilotin hatte mich sehr direkt, mit der schönen, neuen Werbewelt konfrontiert. Die Piloten fuhren etliche Agenturen in der City, am Roten Baum, in Harvestehude, Winterhude und im Quarree zwischen Gänsemarkt und Rathaus, Jungfernstieg und Kaiser Wilhelm Straße / Stadthausbrücke an, wo sich gleich mehrere, sehr renommierte Agenturen niedergelassen hatten. Auf sämtlichen Etagen eines prächtigen, alten Bürohauses mit Paternoster, residierte die amerikanische Werbeagentur „MacCann“ am Neuen Wall. Da es so gut wie ausgeschlossen war, dort einen halbwegs regulären Parkplatz zu ergattern, erst recht nicht mit dem Zeitdruck eines Kurierunternehmens im Nacken, parkten wir meistens in der zweiten Reihe. Nun ist der Neue Wall keine besonders breite Straße und etwas breitere Fahrzeuge, wie Müllwagen, finden kein Durchkommen mehr, wenn in der zweiten Reihe Fahrzeuge parken. Wie aus der Zeit gefallen, schwebte der Paternoster langsam durch die Stockwerke der Agentur, bis zur Rezeption, doch leider war es nicht immer möglich, dass Transportgut dort abzugeben, denn manche Sendung war so wichtig, dass sie direkt am Schreibtisch des Empfängers, seltener der Empfängerin, zugestellt werden musste. Mit viel Glück befand sich der anvisierte Schreibtisch auf der Rezeptionsetage und man sprintete los. Die breiten Flure waren Licht durchflutet und dezent mit den Plakaten erfolgreicher Kampagnen behangen, die Empfänger und Empfängerinnen der Sendungen meistens entsetzlich prätentiös und von sich selbst überzeugt. Sie ließen sich gerne Zeit. Am meisten Zeit aber verlor ich, als es mich aus Gründen, in die Toilettenräume der Agentur verschlug. Sie waren so üppig bemessen und so verspiegelt, dass ich fast den Ausgang nicht mehr fand. Dann schwebte der Paternoster wieder bis ins Erdgeschoss und am Auto in der zweiten Reihe, warteten schon der Mob und die Politesse mit dem Strafmandat. Bei „Springer & Jacoby“ und „Scholz and Friends“, damals beide in der Alten Poststraße ansässig, dominierte ultra moderne Kunst an den Wänden der Flure. Die Werber und Werberinnen der zwei angesagtesten, deutschen Werbeagenturen, ließen sich nicht lumpen, denn sie waren am Puls der Zeit und schmückten ihr Revier mit riesigen, provokativen Originalen angehender, oder schon leuchtender Sterne des Kunsthimmels. Völlig aus der Reihe fiel ein Verlag, die ebenfalls in der Alten Poststraße beheimatet war und für sehr spezielle, neue Ideen warb. Bei der Druckerei in Eimsbüttel, luden die Frauen mir die Buchpakete, mit den Worten „Für die neue Kirche“, in meinen Kleinbus. Es handelte sich um die Werke von L. Ron Hubbard, dem Gründer von Scientology. Am Roten Baum und in Harvestehude, in den stillen, breiten, Kopfstein gepflasterten, mit alten Bäumen und alten Villen bestandenen Straßen, hatten sich eher kleine, aber dafür sehr teure Werbeagenturen und Fotostudios nieder gelassen. Zwischen der City und dem Roten Baum pulsierte das Blut der Werbung, aber der Weg über die Alsterbrücken war noch langsamer, als der mit dem Paternoster durch die Bürohäuser am Neuen und Alten Wall und entsetzlich schlecht bezahlt. Heute wird diese Strecke blitzschnell von Fahrradkurieren bewältigt, aber damals standen wir ständig im Stau.

Lieber lange Meter, als kurze Schlüsse.

RABEN FREUDE.

Der Umbruch ist keine besonders angenehme Zeit und leider befinden wir uns in einer Zeit des Umbruchs. Die Party ist vorbei und das sie in absehbarer Zeit wieder stattfinden wird, ist eher unwahrscheinlich. Die Kinder des Wohlstands sind zu blöd für das Virus, denn das Virus liebt Menschenmengen, Massenevents, ausschweifende Partys und Festivals jeder Art. Es ist ein ganz und gar klassisches Neu Rom Virus, der Dekadenz in jeder Hinsicht verpflichtet. So wird denn geweint und gejammert und in ein paar Jahren wird die erste Generation ins Partyalter kommen, die solche Partys nicht mehr kennt. Was man nicht weiß, macht einen nicht heiß. Vielleicht werden sie ja bei ein paar Tassen Tee zusammen sitzen, sich tief in die Augen schauen, ganz frei sein in ihrem Begehren und Strategien für eine bessere Zukunft entwickeln, die Enkelkinder des goldenen Zeitalters.

Gegen Ende der siebziger Jahre forderten Frauen den halben Himmel für sich und unter den Inhabern der anderen Hälfte des Himmels, war es noch weit verbreitet, im Stehen zu urinieren. Meine Mutter, die während der mehrjährigen Bauphase ihres neuen Heims, so ihre Erfahrungen mit der privaten Bautruppe, die sie vom zweiten Frühstück, über das Mittagsessen, bis zu nachmittäglichem Kaffee und Kuchen verköstigte, gemacht hatte, bestand darauf, dass in jeder Toilette des neuen Hauses auch ein Urinal angebracht wurde. Trotzdem und sehr zum Leidwesen meiner Mutter, wurde das Angebot nicht immer angenommen, wobei mich manchmal der Verdacht beschlich, dass die von Colani designten, sehr kühn geschwungen Urinale, nicht als solche erkannt wurden. In der Wohngemeinschaft hatten wir die Diskussion auch, dass Problem waren nicht unbedingt meine Mitbewohnerinnen, sondern ihre Besucher. Die Situation verschärfte sich, als Tobi auszog und wir zu einer Frauenwohngemeinschaft wurden. Meine Mitbewohnerinnen verfassten einen schönen Text, in dem sie die lieben Männer darum baten, doch bitte nicht im Stehen zu urinieren. Der Text war mit einer hübschen Zeichnung garniert, die einen jungen Mann zeigte, der etwas angeschickert, in hohem Bogen in einen kleinen Pisspott am Boden urinierte, dass die Tropfen nur so sprangen. Ich fand das total blöd, freiwillige Selbstverpflichtung ist und bleibt ein Märchen der Mächtigen, die nichts ändern wollen. Mein Vorschlag, in der Toilette einen Aushang anzubringen, mit der schlichten aber deutlichen Formulierung, „Hier wird nicht im Stehen gepisst.“, wurde mir von meinen Mitbewohnerinnen, als undiplomatisch angekreidet. Meine feste Überzeugung, dass Selbstverständlichkeiten nicht lieb erbeten werden sollten, sondern eingefordert, wurde in der anschließenden Diskussion überstimmt. Das hübsche Bild brachte kaum etwas und nach ungefähr einem Monat, nahm ich es ohne jede Diskussion einfach ab und ersetzte es durch meinen Vorschlag, was dazu führte, dass einige unserer Besucher sich wohl etwas auf den Schwanz getreten fühlten. Meine schnörkellos verschriftete Forderung erzeugte Gesprächsbedarf auf Seiten unserer Besucher und der Prozentsatz der Stehpisser nahm langsam ab. Was nicht abnahm waren die Besitzansprüche beider Hälften des Himmels und als eine meiner Mitbewohnerinnen, ihren neusten Liebhaber aus dem Dschungel mitbrachte, kam es zu Eklat. Er hieß Philip und war wirklich sehr süß, was mich dazu veranlasste, einen Text zu verfassen, dem ich den Titel gab “Philip reimt sich auf Trieb“. Das der Text im Wesentlichen eigentlich von den perfiden Methoden der Werbebranche handelte, vom ganz banalen „Sex sells“ rettete mich nicht. Meiner Mitbewohnerin war natürlich klar, dass ich mit Philip nicht den Prinzgemahl der englischen Königin meinte und entsprechend beleidigt reagierte sie, aber die Kunst ist nun mal frei und das Begehren unberechenbar, denn „Nichts ist wahr und alles ist erlaubt“, wie William S. Burroughs am Ende des Vorworts von, „Die Städte der roten Nacht“ schreibt.

Besser auf den Sack gehen, als im Sack stecken.